Lavendelfelder und freie Straßen
Süd-Frankreich / Provence 2026
Unsere Urlaubsplanung für 2026 wurde bis April ein paarmal umgeschmissen. Von Südtirol, Kroatien, Albanien alles verworfen.
Anreise mit Trailer oder ohne, alles offen. Als Cappo seine Zontes 703 auf dem Hof hatte stand die Reise fest: französische Alpen mit direkter Anreise ohne Trailer. „Wollen wir doch mal sehen, was das Motorrad kann.“ so sein Tenor.
Prolog
Über Bamberg und die Ostalpen ins Friaul, dann in die Dolomiten – das war zuerst der Plan. Irgendwie kamen wir im Frühling dann mal wieder auf die Verdon-Schlucht und Vercors bzw. die Provence, da waren wir auch noch nicht und es steht schon lange auf der Bucketlist. Also dann, im Mai erst Vercors, dann zur Verdon-Schlucht und den Rückweg übers Grödner Joch, bevor das und die Sella-Runde bald gesperrt werden für Touris. Das war der Plan für den Mopped-Urlaub dieses Jahr.
Aufgrund diverser Umstände änderte sich dann der Zeitraum auf Mitte Juli. Anreise ohne Trailer übern Schwarzwald, also grob 3 Tage hin, 3 Tage Südfrankreich, 1 rüber nach Südtirol und 3 Tage Dolomiten, bevor es wieder 2 Tage zurück geht. Geil!
Dieses Jahr wieder mit der treuen XJ 900 – aber ohne die GPZ, dafür mit der Zontes! Ein weinendes und ein lachendes Auge… 40 Jahre technischer Unterschied. Die Zontes macht was sie soll und das auch noch richtig gut. Vom Fahrwerk bis zum Koffersystem.
Warum wir letztendlich fast nur in der Provence unterwegs waren, wie wir in eine Mondlandschaft gekommen sind, über die Milchstraße und die höchste asphaltierte Alpenstraße fuhren und das alles komplett pannenfrei erzählen wir hier.
Karte
Facts
Zeitraum: 13.07.2026 – 25.07.2026
- 4 Länder (Deutschland, Frankreich, Schweiz und Italien)
- 4596 Motorradkilometer
- 121 Pässe
- Temperaturen zwischen 22 °C und 38 °C
- 1034,12 € für Übernachtungen
- Im Schnitt 95 € pro Übernachtung
- 225,5 Liter Benzin
- 481,77 € Kraftstoffkosten
- 16 Tankstopps
Durchschnitt pro Reisetag
- 707 km Gesamtfahrleistung beider Motorräder
- 353 km je Motorrad und Tag
- 34,7 Liter Kraftstoff pro Tag (beide Motorräder)
- 74,12 € Kraftstoffkosten pro Tag
Zontes 703 F
- Gefahrene Strecke: 4.437 km
- Kraftstoff: 234,22 Liter
- Kraftstoffkosten: 491,49 €
- Durchschnittsverbrauch: 5,28 l/100 km
Yamaha XJ
- Gefahrene Strecke: 4.756 km
- Kraftstoff: 221,74 Liter
- Kraftstoffkosten: 465,89 €
- Durchschnittsverbrauch: 4,66 l/100 km
Fun Facts
- Die gemeinsam getankten 451 Liter Kraftstoff entsprechen ungefähr 2,5 Badewannen.
- 9.193 Motorrad-Kilometer entsprechen ungefähr der Strecke vom Nordkap bis nach Sizilien.
- Für 100 km benötigte die Yamaha XJ nur 4,66 Liter und die Zontes verbrauchte rund 13 % mehr Kraftstoff als die Yamaha.
Bericht
Tag 1 (13.07.) – 518 km – Schloß Holte-Stukenbrock → Baiersbronn-Mitteltal
Tag 2 (14.07.) – 267 km – Baiersbronn-Mitteltal → Saint-Louis bei Basel
Tag 3 (15.07.) – 359 km – Saint-Louis bei Basel → Rumilly
Tag 4 (16.07.) – 346 km – Rumilly → Veynes
Tag 5 (17.07.) – 301 km – Veynes → Veynes (Vercors Süden)
Tag 6 (18.07.) – 348 km – Veynes → Veynes (Vercors Norden)
Tag 7 (19.07.) – 252 km – Veynes → Veynes (Mont Ventoux)
Tag 8 (20.07.) – 407 km – Veynes → Veynes (Verdon-Schlucht )
Tag 9 (21.07.) – 258 km – Veynes → Veynes (Prähistorische Schluchten der Haute-Provence)
Tag 10 (22.07.) – 360 km – Veynes → Aosta
Tag 11 (23.07.) – 345 km – Aosta → Bad Säckingen
Tag 12 (24.07.) – 360 km – Bad Säckingen → Odenwald bei Weinheim
Tag 13 (25.07.) – 324 km – Odenwald bei Weinheim → Schloß Holte-Stukenbrock
Tag 1 – Montag, 13.07.2026 – 517 km
Schloß Holte-Stukenbrock → Baiersbronn-Mitteltal
Unterwegs von 08:30 bis 19:15 Uhr · 6:52 Std. reine Fahrzeit
Kilometerstand zum Start: Zontes 3.113 km, XJ 208.438 km.
08:30 Uhr. Start in Schloß Holte (NRW). Über die A33 bis Lichtenau, anschließend quer durchs Sauerland. Temperaturen von ca. 25 °C am Morgen bis etwa 35 °C am Nachmittag. Hier und da eine kleine Pause und wieder eine kleine Autobahnetappe über die A5 an Frankfurt vorbei. Auf der Gegenfahrbahn (Gott sei es gedankt) ein ellenlanger Stau.
Ein kleiner Stopp am Heddesheimer Badesee und wir trafen uns mit Dennis und Bernie, ein paar gute Bekannte von uns. Etwa eine Stunde Pause zum Abkühlen mit Espresso und kühlen Getränken. Nebenbei eine Unterkunft suchen. Cappo fragte: „Was meinste? Wie weit oder wie lange fahren wir noch?“ Eine Unterkunft hatten wir noch nicht, weil wir nicht wussten, wie weit wir kommen. Mit Hilfe von Bernie und Dennis ihren Tipps konnten wir noch besser unser Endziel für heute einschätzen. Die beiden kennen sich hier aus.
Die Fahrt ging weiter bis Rastatt, danach in den Schwarzwald und es wurde etwas kühler. Wir überquerten den ersten Pass: Schwarzmiss 933m bei Kaltenbronn. Auf einer Infotafel lasen wir, dass er genau an der Grenze von Baden zu Schwaben liegt und zum Europäischen Naturerbe gehört.
„Den ganzen Tag bei Temperaturen über 33° machen auf die Dauer mürbe.“ Sagte ich zu Cappo. „Jau!“ stöhnte er nur.
Der schönste Streckenabschnitt: von Gernsbach über Forbach nach Baiersbronn – hier begann das eigentliche Kurvenfahren und die Vorfreude auf die nächsten Tage.
Um 19:00 Uhr sind wir in der Ferienwohnung mit schöner Aussicht in Beiersbronn angekommen. Cappo hat ein paar Drohnenaufnahmen gemacht, die Motorräder standen vor der Garage und abends haben wir uns mit Chinanudeln selbst versorgt.
Vater fährt wie gewohnt seine Yamaha XJ (über 200.000 km), technisch alles problemlos.
Tag 2 – Dienstag, 14.07.2026 – 267 km
Baiersbronn-Mitteltal → Saint-Louis bei Basel
Unterwegs von 09:40 bis 18:00 Uhr · 5:30 Std. reine Fahrzeit
Um 07:00 Uhr bin ich von den Kirchenglocken und Donnergrollen geweckt worden und es nieselte leicht. Der Plan heute war ein kleines bisschen durch die Schweiz nach Frankreich zu fahren. Wir hatten Zeit denn die feste Unterkunft in Veynes war erst ab dem 16ten für mehrere Tage.
Auf dem Weg zu den Allerheiligen Wasserfälle war die Straße schon wieder trocken und es ging schön kurvig über unseren 2ten Pass, Ruhestein (915m) , durch Oberhamersbach durch einen „Beerdigungswald“. Genau genannt: Ruhewald am Brandenkopf.
Ohne anzuhalten, fuhren wir weiter an der „Hexenlochmühle“ vorbei und kamen auf die berühmte B500. Zwar nur kurz aber immerhin über 1000m. Ein Nothalt ereilte uns in Himmelreich, weil Cappo von einer Biene gestochen wurde. Als nächstes lag die „Schauinslandstrecke“ auf dem Weg. Das wollten wir nicht verpassen. Leider war der Weg zum Aussichtpunkt gesperrt. Die nächste Besonderheit war dann das „Jogi Löw“ Dorf. Es kamen noch ein paar Pässe auf dem Weg, aber die alle aufzählen? Schöne weitere Kurven fuhren wir und Autofahrer vor uns hatten es auch sehr eilig.
Was mich ein wenig nervte waren diese 30er Zonen in vielen Ortschaften. Autofahrer fuhren genau dieses Tempo. Uff.
In Weil am Rhein tankten noch mal voll und versorgten uns im Supermarkt. „In Frankreich ist heute Nationalfeiertag. Wer weiß, ob da was geöffnet hat.“ Sagte ich zu Cappo, weil Dennis mir eine WhatsApp Nachricht hinterlassen hat.
Just über die Grenze hielt ich Cappo während der Fahrt meine offene Hand hin und machte das „Pinke, Pinke“ Zeichen. 🫰 „Was ist?“ fragte er. „135 Euro für fahren ohne Handschuhe.“ Schrie ich ihm entgegen. Ein klitzekleiner Panikblick kam zurück. Seit dem Einkaufen hatte er die Handschuhe im Tankrucksack.
In Saint Louis war unsere heutige Unterkunft und nach dem Einchecken um 18:00 Uhr, wurden wir von einer Parade empfangen. Klar, Nationalfeiertag. Wir schauten uns das Vergnügen aus dem 3.ten Stockwerk an. „Die Jungs da unten tun mir leid. Bei der Hitze rum posaunen.“ sagte ich. „Jau, ich möchte dort nicht in der prallen Sonne stehen. Deshalb bleibe ich auch hier oben. Ein Ereignis wie 2012 Schottland Insel Lewis Olympia Fackel und 2025 in Oviedo mit dem Fußballclub, wattn geiler Zufall.“
Nachdem der ganze Spuk vorbei war und wir noch einen kleinen Verdauungsspaziergang machen wollten, fiel uns auf das meine Bürzeltasche geöffnet und durchwühlt worden war. Es gab aber nicht besonderes zu klauen. Ergo: zuziehen und Schwamm drüber.
Tag 3 – Mittwoch, 15.07.2026 – 359 km
Saint-Louis bei Basel → Rumilly
Unterwegs von 09:20 bis 19:30 Uhr · 6:45 Std. reine Fahrzeit
Der dritte Reisetag begann für Papa deutlich früher als geplant. Bereits gegen 6 Uhr morgens wurde ich von der Müllabfuhr direkt vor der Unterkunft in Saint-Louis geweckt. Kurz danach setzte auch der Flugverkehr am nahegelegenen Flughafen ein. Etwa alle zehn Minuten war ein startendes Flugzeug zu hören, sodass die Nacht für mich praktisch beendet war. Wirklich schlimm war das frühe Aufstehen allerdings nicht.
Am Morgen starteten wir in Saint-Louis, auf der französischen Seite bei Basel. Baustellen ohne Ende bis zum Ausgang der Stadt. Zunächst ging es zügig 50 km in Richtung Schweizer Grenze. Nach der Einreise in die Schweiz führte die Route quer durch die landschaftlich beeindruckende Region des Doubs. Wir fuhren durch den Naturpark und längere Zeit an dem kleinen Fluss Doubs entlang. Die Strecke war ruhig, grün und sehr angenehm zu fahren. Unterwegs kamen wir durch Saint-Ursanne, einen kleinen Ort, der sehr schön in der Landschaft liegt. Danach führte uns die Strecke, nach gesamt 80 km, wieder zurück nach Frankreich. Dort ging es weiter durch den Parc naturel régional du Doubs Horloger. Der Doubs begleitete uns somit immer wieder auf dieser Etappe und prägte die Landschaft mit seinen Flusstälern, Wäldern und kleinen Straßen.
Ein besonders kurioser Streckenabschnitt wurde von uns spontan als „Milchstraße“ bezeichnet. Auf unserer Fahrbahn zog sich über eine längere Strecke eine auffällig weiße Spur entlang. Vermutlich hatte ein Lastwagen irgendwann zuvor eine Flüssigkeit, Farbe oder möglicherweise tatsächlich Milch verloren. Die weißen Rückstände waren bereits festgetrocknet und färbten einen großen Teil der Fahrbahn. So entstand der passende Name für diesen ungewöhnlichen Straßenabschnitt.
Im Laufe des Tages wurde es erneut sehr heiß. Die Temperaturen stiegen deutlich über 30 Grad, und die Wärme wurde auf den Motorrädern zunehmend spürbar. Dann gerieten wir überraschend in einen kräftigen Regenschauer. Der Regen setzte plötzlich und ziemlich heftig ein.
Wir hielten kurz an einer kleinen Hütte, entschieden uns aber bewusst dagegen, die Regensachen anzuziehen. Stattdessen standen wir dort einen Moment, unterhielten uns und genossen die Abkühlung. Nach der vorherigen Hitze war der Regen sogar sehr angenehm. Nach ungefähr einer Viertelstunde bis zu einer halben Stunde hörte der Schauer wieder auf.
Anschließend führte unsere Route immer weiter in Richtung Jura. Mit jedem Höhenmeter wurden die Ausblicke eindrucksvoller. Die umliegenden Berge wurden höher, die Täler weiter und das Panorama immer größer. Spätestens hier stellte sich ein Urlaubsgefühl ein.
Ein besonderer Moment war das erste unerwartete Auftauchen des Mont Blanc. Während die Berge um uns herum immer höher wurden, erschien plötzlich hinter den anderen Gipfeln ein riesiger weißer Berg. Zunächst war nur ein Teil beziehungsweise der „Zipfel“ des schneebedeckten Gipfels zu sehen. Trotzdem überragte er alles in seiner Umgebung deutlich. Dieser überraschende erste Blick auf den Mont Blanc war einer der großen landschaftlichen Wow-Momente des Tages.
Auch an einer anderen Stelle hielten wir an einer Straße beziehungsweise auf einer breiteren asphaltierten Fläche an. Direkt daneben lag ein riesiges Feld mit grünen Pflanzen. Aus diesem gleichmäßigen Grün ragte völlig allein eine einzelne Sonnenblume heraus. Zusammen mit der weiten Aussicht und der Berglandschaft im Hintergrund ergab sich ein sehr eindrucksvolles Bild.
Die heutige Strecke führte nur relativ selten über größere Haupt- oder Bundesstraßen. Stattdessen waren wir überwiegend auf „Gemüsestraßen“ unterwegs, also auf kleinen, schmalen und wenig befahrenen Nebenstraßen. Zum Beispiel die D29 über den Col du Tonet (965m).
Teilweise waren diese Straßen kaum breiter als anderthalb Fahrspuren und erinnerten an sogenannte Single-Track-Roads in Schottland. Bei Gegenverkehr mussten beide Seiten sich vorsichtig aneinander vorbeibewegen. Was uns ebenfalls auffiel, war die Fahrweise vieler Einheimischer. Die Bewohner der Region jagten teilweise mit ihren kleinen Autos so schnell durch die Berge und Kurven. Selbst mit den Motorrädern wären wir ihnen kaum hinterhergekommen.
Wir versuchten es allerdings auch gar nicht erst. Unser Ziel war nicht, möglichst schnell durch die Berge zu fahren, sondern die Landschaft, die Kurven und die Aussichten zu genießen.
Übel nervig waren die zahlreichen Verkehrsberuhigungen an den Ortseingängen und Ortsausgängen. Immer wieder gab es Speedbumps. Die Landschaft, die hohen Berge und die zunehmende Nähe zu den Alpen machten den letzten Teil der Strecke besonders schön.
Am Abend erreichten wir unsere neue Unterkunft in beziehungsweise oberhalb von Rumilly. Das AirBnB liegt ganz oben an einem Ort beziehungsweise an einem Hang mit Ausblick auf den Mont Blanc. Zum Abendessen holten wir uns an einem kleinen Kiosk eine Calzone. Das Spanngummi hat das Mopped mal wieder zum Pizza-Taxi transformiert.
Nach der Ankunft erstmal ab in den Pool. „Eine solche Aussicht aus einem Pool auf einen weißen Berg habe ich auch noch nie gehabt.“ Sagte ich. „Ich auch nicht. Wie weit mag der Mont Blanc wohl weg sein?“ fragte Cappo. „Ich schätze auf 85 km.“ Antwortete ich.
Beim Essen. Lief nebenbei das Fußballspiel der Weltmeisterschaft zwischen Argentinien und England. Fliegende Ameisen belagerten die Stellen im Haus, wo Licht brannte. Anschließend begannen wir bereits mit der Planung für den nächsten Tag.
Der heutige Tag war gleichzeitig der letzte richtige Anreisetag. Nach insgesamt knapp 1.000 Kilometern seit dem Start haben wir nun die Region erreicht, von der aus wir in den kommenden vier Tagen unsere eigentlichen Hauptziele erkunden möchten: den Vercors und die Verdon-Region und das ohne Koffer, denn:
„Ab morgen können wir ohne das komplette Gepäck auf den Motorrädern fahren. Wir wissen dann jeden Abend, wo wir wieder ankommen, haben Proviant in der Unterkunft und müssen nicht mehr täglich eine neue Unterkunft suchen oder überlegen, wo wir abends landen werden.“ Freute sich Cappo schon und ich mich auch. „Dadurch wird sich die Reise ab jetzt deutlich entspannter anfühlen.“ Sagte ich.
Tag 4 – Donnerstag, 16.07.2026 – 345 km
Rumilly → Veynes
Unterwegs von 08:30 bis 19:00 Uhr · 7:31 Std. reine Fahrzeit
Um 06:30 Uhr wurde ich von einem Staubsaugergeräusch geweckt. Da mir Frühaufstehen nichts ausmacht, stand ich auf, nahm meinen morgendlichen kalten Kaffee und genoss den Sonnenaufgang.
Heute begann der Tag bei bestem Motorradwetter. Nach einer ruhigen Nacht machten wir uns zügig startklar, denn das Ziel war klar: die feste Unterkunft erreichen, die für die nächsten Tage unser Ausgangspunkt für die Touren durch den Verdon und den Vercors sein sollte. Gleichzeitig sollte die Anreise aber alles andere als langweilig werden – schließlich lagen einige der bekanntesten Alpenpässe Frankreichs auf unserer Route.
Die erste kleinere Passstraße führte uns über den Col de Fréne (950m). Eine sagenhafte Aussicht von hier oben. Die kleinen kurvigen Straßen zuvor D911, D202 zeigten sich, dass in der Nacht zuvor heftiges Wetter über die Region gezogen sein musste. Auf vielen Straßen lagen noch Äste, Zweige, Blätter und Geröll. Da auf diesen kleinen Bergstraßen nur wenige Fahrzeuge unterwegs waren, hatte noch niemand das Zeug beseitigt. Das machte die Strecke zwar etwas anspruchsvoller, verlieh ihr aber gleichzeitig einen ganz besonderen Charakter.
Anschließend erreichten wir das Tal, das uns zur berühmten Route des Grandes Alpes führte. Auf dem Col de Champ-Laurent (1116m) hielten wir nur kurz, denn direkt an ihm lag ein riesengroßer Misthaufen. „Scheißpass!“ frotzelte Cappo.
Hier begann für uns der eigentliche Fahrspaß. Der erste große Höhepunkt des Tages war der Col du Télégraphe (1566m). Oben auf dem Télégraphe wartete eine ganz besondere Überraschung. In einem kleinen Ort waren riesige Figuren aus Stroh aufgebaut. Helme, Schwerter, Monster, Käfer, Kröten und viele weitere kunstvoll gestaltete Figuren ragten teilweise drei bis vier Meter in die Höhe. Genau in diesem Moment fuhr ein offener Ferrari Cabrio vorbei – ein Anblick, der später noch für ein Schmunzeln sorgen sollte.
Von dort führte uns die Strecke weiter hinauf zum legendären Col du Galibier (2645m), einem der bekanntesten Alpenpässe Frankreichs. Bereits auf dem Weg nach oben wurden wir vor einer Polizeikontrolle gewarnt. Für uns spielte das allerdings keine Rolle, denn wir waren ohnehin entspannt unterwegs.
Je höher wir kamen, desto beeindruckender wurde die Landschaft. Kurz vor dem Gipfel tauchten die ersten schneebedeckten Gletscher auf. Trotz des trüben Wetters bot sich eine fantastische Aussicht. Gleichzeitig konnten wir bereits erkennen, dass über dem Galibier dunkle Regenwolken hingen. Trotzdem entschieden wir uns bewusst gegen das Anziehen der Regenkombis und fuhren weiter.
Wie erwartet erwischte uns der Regen schließlich auf dem Galibier. Doch anstatt störend zu sein, fühlte er sich bei über 30 Grad im Tal fast schon angenehm an. Wir waren ohnehin durchgeschwitzt, sodass der kurze Regenschauer eher für Erfrischung sorgte.
Besonders beeindruckend ist die Landschaft auf dem Galibier. Die weitläufigen Geröllfelder, die riesigen Schutthalden und die Spuren früherer Murenabgänge kamen ihm plötzlich wieder bekannt vor. Stück für Stück kehrte die Erinnerung an eine frühere Tour auf dieser Strecke zurück. Solche Momente machen eine Reise oft besonders, wenn bekannte Orte nach Jahren wieder lebendig werden.
Anstatt später den Tunnel zu nutzen, entschieden wir uns selbstverständlich für den eigentlichen Pass und fuhren komplett über den Berg. Oben hatte der Regen bereits wieder aufgehört. Zwar blies ein kräftiger Wind, doch die Sicht wurde zunehmend besser. Ein richtiger Auflauf von WoMo (Wohnmobile), Radfahrern und Wanderern. Die letzten 195km vergingen dann schnell: D902 und ein bisschen Schnellstraße bis Gap. In Veynes angekommen erstmal duschen. Selbstversorgung durch den Supermarkt war angesagt und den Abend entspannt ausklingen lassen.
„Morgen fahren wir Richtung Vercors Gebiet.“ Sagte Cappo, als er auf die Karte schaute. „Ich bin gespannt.“ Sagte ich.
Tag 5 – Freitag, 17.07.2026 – 301 km
Veynes → Veynes (Vercors Süden)
Unterwegs von 09:30 bis 19:00 Uhr · 6:01 Std. reine Fahrzeit
Ich wachte mit einem geschwollenen Auge auf. Irgendwas hat gestern zugestochen. Etwas kühlen und los geht´s. Heute stand eines der großen Ziele unserer Tour auf dem Programm: das Vercors-Massiv.
Unser erster Halt führte uns nach Le Claps, einem beeindruckenden Klettergebiet mit außergewöhnlichen Felsformationen. Das Gelände wird derzeit teilweise restauriert beziehungsweise touristisch weiter erschlossen. Die riesigen Felsblöcke liegen scheinbar wahllos übereinander und bilden eine faszinierende Landschaft und gaben einen Vorgeschmack auf das, was uns noch erwartet.
Anschließend ging es weiter über die schöne Straße in Richtung Die, dem südlichen Eingangstor ins Vercors. Schon auf diesem Abschnitt herrschte wenig Verkehr, die Temperaturen waren am Morgen noch angenehm und das Motorradfahren machte einfach Spaß.
Vor dem eigentlichen Pass hielten wir am Plateau d’Ambel – und dort verschlug es uns förmlich die Sprache. Der Blick reichte weit hinaus bis ins Flachland, während sich vor uns bereits die ersten mächtigen Kalksteinfelsen des Vercors auftürmten. Dieser Aussichtspunkt gehört definitiv zu den Orten, die man kaum mit Worten beschreiben kann. Jeder Motorradfahrer, der in der Region unterwegs ist, sollte hier unbedingt anhalten.
Weiter ging es über den Col de Rousset (1254m), dem südlichen Zugang ins Vercors. Dem folgten noch der Col de Portette (2212m) sowie der Col de la Bataille (1313m). Über die kleine D199 ging es weiter durch die Region. Unterwegs kamen wir an mehreren Lavendel-Destillerien vorbei. Rund um die blühenden Lavendelfelder flatterten unzählige Schmetterlinge unterschiedlichster Arten. Immer wieder entdeckten wir bei unseren kurzen Stopps neue Farben und Muster. Zusammen mit den violetten Feldern ergab das eine herrlich sommerliche Atmosphäre.
In Saint-Jean-en-Royans legten wir einen Tank- und Snackstopp ein. Danach wartete der eigentliche Höhepunkt des Tages.
Combe Laval – einfach überwältigend
Die Auffahrt zur Combe Laval (1479m) gehört ohne Zweifel zu den beeindruckendsten Straßen, die wir bislang mit dem Motorrad gefahren sind.
Die Straße ist über mehrere Kilometer direkt in die steilen Felswände gebaut. Enge Kurven, Galerien im Fels und immer wieder spektakuläre Tiefblicke wechseln sich ständig ab. Hinter jeder Kurve eröffnet sich ein neues Panorama.
Wir waren derart begeistert, dass wir die Strecke nicht nur einmal gefahren sind. Stattdessen fuhren wir sie dreimal – hin, zurück und anschließend noch einmal hin. Zwischendurch machten wir zahlreiche Fotostopps, ließen die Drohne steigen und genossen einfach diese einzigartige Landschaft.
Beim Versuch, die Gegend mit anderen beeindruckenden Regionen wie Korsika oder den norwegischen Fjorden zu vergleichen, mussten wir feststellen: Eigentlich lässt sich das Vercors kaum vergleichen. Diese Kombination aus gewaltigen Kalksteinwänden, tief eingeschnittenen Schluchten und der spektakulären Straßenführung haben wir bisher noch nirgendwo erlebt.
Nach diesem absoluten Highlight führte uns die Route weiter über den Col de Machine (1011m) zum Col de Carri (1202m). Auch hier ging es wieder durch imposante Felslandschaften mit herrlichen Kurven und großartigen Aussichten.
Da das südliche Vercors nur über wenige Straßen erreichbar ist, führte unser Rückweg schließlich wieder in Richtung Col de Rousset.
An einem Aussichtspunkt, den wir auf dem Hinweg ausgelassen hatten, legten wir noch einen weiteren Halt ein. Dort trafen wir Alexander aus Recklinghausen und Andreas aus München, die ebenfalls mit dem Motorrad unterwegs waren.
Wir unterhielten uns eine ganze Weile über unsere Touren und tauschten Erfahrungen über die Region aus. Solche zufälligen Begegnungen gehören für uns einfach zu einem gelungenen Motorradurlaub dazu.
Anstatt auf derselben Strecke zurückzufahren, entschieden wir uns noch für einen Abstecher über den Col de Grimone (1319m). Die Zufahrt führte zunächst über eine schmale, langsame Straße, auf der man kaum vorankam. Doch die Geduld wurde mehr als belohnt: Das Tal wurde immer enger, links und rechts ragten riesige Felswände empor und die gesamte Landschaft wirkte unglaublich mächtig. Auch dieser Abschnitt bleibt uns lange in Erinnerung. Den ganzen Tag lang hatten wir überraschend wenig Verkehr.
Vom Pass aus ging es anschließend hinunter Richtung Veynes, wo wir noch kurz im Supermarkt anhielten, bevor wir schließlich entspannt zur Unterkunft zurückkehrten.
Dieser Tag war zweifellos einer der Höhepunkte unserer gesamten Reise. Das Vercors begeistert mit einer unglaublichen Vielfalt aus spektakulären Pässen, tiefen Schluchten, gewaltigen Kalksteinfelsen, traumhaften Aussichtspunkten und nahezu perfekten Motorradstraßen.
Tag 6 – Samstag, 18.07.2026 – 348 km
Veynes → Veynes (Vercors Norden)
Unterwegs von 09:20 bis 17:15 Uhr · 6:53 Std. reine Fahrzeit
Heute war einer dieser Tage, an denen einfach alles zusammenpasste.
Obwohl Samstag war und wir eigentlich mit viel Verkehr gerechnet hatten, wurden wir angenehm überrascht. Kaum Autos, kaum Staus und insgesamt nur wenig Motorräder auf den Straßen. Gerade diese Ruhe machte das Motorradfahren heute besonders entspannt.
Das Tagesmotto entstand praktisch von selbst. „Schattenparker-Tour“. Bei Temperaturen zwischen 35 und 38 Grad wurde jeder schattige Platz sofort zum bevorzugten Parkplatz. Egal ob Fotostopp, Trinkpause oder kurzer Blick in die Landschaft – geparkt wurde grundsätzlich dort, wo Schatten war.
Die erste schöne Straße (D1075) führte uns Richtung Grenoble. Gottseidank nur in die Richtung. Denn als wir auf die D106 abbogen, ging es auf einer schmalen Straße südlich oberhalb von Grenoble weiter und wir sahen bei einem Schattenhalt von oben auf die Stadt. „Gut, dass wir da nicht durchmussten.“ Stöhnte ich und Cappo bestätigte nur mit einem Kopfnicken.
Unterwegs führte uns die Strecke erneut durch den Regionalen Naturpark Vercors.
Die Berge wirken hier völlig anders als in vielen anderen Regionen Europas. Statt breiter Bergrücken mit sanften Hängen ragen hier schmale, bis zu anderthalb Kilometer hohe Kalkmassive fast senkrecht in den Himmel. Dazwischen schneiden sich tiefe Schluchten in das Gestein. Genau durch diese Schluchten verlaufen einige der spektakulärsten Straßen Frankreichs.
Man fährt nicht einfach über einen Pass. Man fährt mitten durch den Berg. Teilweise wurden die Straßen direkt in die Felswände geschlagen.
Bei einem Espressostopp wurden wir von einer Paragleiter Show unterhalten, die sich aber als Fiasko entpuppte. Es startete nicht Einer, sondern sie wickelten sich mit Hilfe des leichten Windes in die Schirme ein. Danach gab es auf der D106 eine 20 km lange „Plombenverlierstrecke“. Man sowas von rappelig und uneben habe ich auch noch nicht erlebt. Ich fürchtete um die Schweißnähte an meinem Motorrad.
Weiter auf der D531 unerwartet nach Gorge de la Bourne. Südwestlich von Grenoble im westlichsten Teil der französischen Alpen erstreckt sich die Region mit kurvigen Straßen, steilen Bergkuppen und Höhlen und Grotten. Durch mehrere Tunnels und unter überhängenden Felsen hindurch. Auf dem Croix-de-Toutes-Aures (1204m) genossen wir wieder einen tollen Aussichtspunkt und es war an der Stelle ganz schön laut. Zikaden zirpten um die Wette.
Ein besonderes Highlight war heute die Fahrt über die D22 durch die Gorges du Nan. Die Straße windet sich spektakulär an den Felswänden entlang und führt teilweise durch in den Felsen gehauene Abschnitte. Hier oben herrschten plötzlich nur noch angenehme 22 Grad. Nach der Hitze der Täler war das wie eine natürliche Klimaanlage. Dort trafen wir auf Motorradfreunde, die auch die Gegend genossen. Ein kleiner Smalltalk, Adressen austauschen und wir verabschiedeten uns in verschiedene Richtungen von einem Teil des „Motorradclub Nieder Ohmen“.
Es gab zwar nicht hinter jeder Kurve einen spektakulären Ausblick, aber allein diese angenehmen Temperaturen machten die Strecke zu einem echten Genuss. Der schönste Aussichtspunkt des Tages lag oberhalb der Schlucht. Von dort fiel der Blick rund 900 Meter tief in das Tal. Die Gorges du Nan sind eine enge Kalksteinschlucht im Département Isère. Die D22 führt auf rund neun Kilometern durch Tunnel, Felsgalerien und direkt an steilen Felswänden entlang. Nice.
Auf der Strecke „La Route des Ecouges“ auf der D35 durchfuhren wir riesige Walnussplantagen. Die Gegend ist weltweit für die „Noix de Grenoble“ bekannt – eine Walnusssorte mit geschützter Herkunftsbezeichnung. Der Walnussanbau prägt die Landschaft seit Jahrhunderten, interessiert uns aber wenig. Trotzdem nett, solche Infos auf irgendwelchen Schildern abzugreifen oder von Leuten zu erfahren.
Durch einen Berg zum Col de Romeyere (1074m). In dem Berg war es richtig kühl. Viele Auto- und Motorradfahrer/innen hielten hier und schauten in die riesige Schlucht. Uns viel auf das auch viele Frauen auf Motorrädern unterwegs waren. Toll im Gegensatz zu Deutschland. Der Rückweg führte uns wieder über den Col de Rousset. Wir mussten an einer Baustellenampel halten und sahen den Anfang und das Ende der Baustelle und die 130 Sekunden Wartezeit auf der Ampel und fuhren ausversehen bei „Rot“. Eine schlechte Idee. Wir waren mitten in der Strecke, als uns 2 Feuerwehrautos und 3 PKWs entgegenkamen. Es war reichlich Platz zum Ausweichen. „Das gibt schlechte Karmapunkte.“ Meinte Cappo.
Auf dem Col de Cabre (1180m) genossen wir noch einmal die schöne Aussicht. „Heute habe ich die Pässe nicht mitgezählt die wir überquert haben.“ Sagte ich zu Cappo. „Ich auch nicht. Aber es waren wohl einige. Wir haben ja ein Tool dafür. Können wir zu Hause von der ganzen Reise schauen.“ Antwortete er.
Auf den letzten Metern nach Veynes zu unserer Unterkunft begleitete uns ein Trecker Konvoi. Richtig voll und bunt geschmückt. Wie sich später herausstellte, fand dort das Festi’Corso statt – ein traditionelles Sommerfest mit geschmückten Festwagen, historischen Fahrzeugen und verschiedenen Umzügen.
Ein schöner Abschluss eines ohnehin gelungenen Tages.
So Zwischendurch ermittelt:
Warum sehen die Berge im Vercors so besonders aus?
Der Vercors ist geologisch betrachtet ein uraltes Kalkgebirge. Die Gesteinsschichten, aus denen das Massiv besteht, entstanden vor etwa 100 bis 150 Millionen Jahren auf dem Boden eines warmen, flachen Meeres. Dort lagerten sich über Millionen von Jahren die Schalen und Skelette unzähliger Meerestiere ab und bildeten mächtige Kalksteinschichten.
Erst viele Millionen Jahre später, während der Entstehung der Alpen, wurden diese ehemaligen Meeresablagerungen durch gewaltige tektonische Kräfte angehoben und zu einem Hochplateau aufgefaltet.
Seitdem haben Wasser, Eis und Wind das Gestein über Jahrmillionen geformt. Flüsse schnitten sich immer tiefer in den Kalkstein ein und schufen die heute typischen steilen Felswände, engen Schluchten und spektakulären Canyons. Dadurch entstanden Straßen, die teilweise direkt in die Felswände gebaut wurden und heute zu den schönsten Motorradstrecken Europas zählen.
Gerade diese Kombination aus hoch aufragenden Kalkfelsen, tief eingeschnittenen Schluchten und weitläufigen Hochflächen macht den Vercors landschaftlich so einzigartig. Wer heute durch den Vercors fährt, bewegt sich im Grunde über einen ehemaligen Meeresboden, der vor mehr als 100 Millionen Jahren entstanden ist.
Tag 7 – Sonntag, 19.07.2026 – 252 km
Veynes → Veynes (Mont Ventoux)
Unterwegs von 10:00 bis 17:15 Uhr · 4:58 Std. reine Fahrzeit
Etappe: Der Mont Ventoux
Nach den fahrerisch sehr intensiven Tagen stand heute ganz bewusst eine etwas kürzere Motorradrunde auf dem Programm. Der Plan war schnell gefasst: ein kleiner persönlicher “Triathlon”. Erst eine entspannte Motorradtour, anschließend gemeinsam das Formel-1-Rennen schauen und den Abend mit dem Finale der Fußball-Weltmeisterschaft ausklingen lassen.
Bereits direkt nach der Abfahrt von unserer Unterkunft zeigte sich wieder, warum diese Region so besonders ist. Die Strecke führte zunächst über kleine Nebenstraßen, unter anderem über die D50 und die D350. Ich nenne diesen Abschnitt wieder “durchs Gemüse fahren”. Keine großen Straßen, kein Verkehr, sondern einfach mitten durch die Landschaft.
Die Temperaturen waren am Morgen noch angenehm. Links und rechts der Straße lagen riesige Lavendelfelder. Viele Felder standen noch in voller Blüte, andere wurden gerade abgeerntet. Der Duft von Lavendel lag überall in der Luft und zog beim Fahren durch den Helm. Kurz darauf folgten große Apfelplantagen. Zusammen mit dem Geruch von frisch gemähtem Heu war das eine Kombination, die man kaum beschreiben kann. Es fühlte sich eher an wie eine Postkarte als wie eine normale Motorradstrecke. Scheinbar „Provence-Style“.
Unser erstes Ziel war der Col de Perty (1302m). Bereits auf dem Weg dorthin wechselte die Landschaft langsam ihren Charakter. Immer mehr Zypressen tauchten auf, die Häuser wirkten mediterraner und erinnerten uns teilweise an die Toskana.
Unterwegs kamen wir über den Col d´ Aulan (845m) und am Château d’Aulan vorbei, einer beeindruckenden Burg, die wunderschön in der Landschaft liegt und sofort ins Auge fällt. Die Strecke zum Aulan hoch war so richtig was zum rumbolzen.
Im kleinen Ort Aulan legten wir eine Pause ein. Dort gab es erst einmal Kaffee und Schokocroissant in einem kleinen Café. Ein schönes Detail: Die Kellnerin sprach Deutsch. Nach vielen Tagen ausschließlich Französisch war es fast schon ungewohnt, plötzlich wieder deutsche Wörter zu hören.
Anschließend ging es weiter zum eigentlichen Höhepunkt des Tages: dem Mont Ventoux (1909m).
Eigentlich hatten wir den Berg nur deshalb mit eingeplant, weil er auf unserer Papierkarte interessant aussah. Dass er uns so begeistern würde, hätten wir vorher niemals gedacht.
Der Mont Ventoux trägt völlig zu Recht den Beinamen “Gigant der Provence”. Mit seinen rund 1.909 Metern Höhe überragt er die umliegenden Berge deutlich. Während viele Gipfel der Umgebung zwischen etwa 1.000 und 1.500 Metern hoch sind, ragt der Ventoux wie ein einzelner Riese aus der Landschaft heraus.
Die Auffahrt macht unglaublich viel Spaß. Die Straße ist hervorragend ausgebaut und schlängelt sich in vielen Kurven bis zum Gipfel hinauf. Je höher man kommt, desto weiter öffnet sich die Aussicht. Auf dem Weg nach oben und unten sind jede Menge „Kurven Fotografen“. Zu finden sind diese zum Beispiel unter:
Kurvenfoto Col de l’Iseran – Val d’Isère, Kurvenfoto Col de l’Iseran – Val d’Isère, Kurvenfoto Col de l’Iseran – Bonneval
Auch Passläufer kamen uns entgegen. Sowas habe ich auch noch nicht erlebt.
Oben angekommen hat man tatsächlich das Gefühl, auf dem Dach der Welt zu stehen. Rundherum reicht der Blick bis zum Horizont. Bergketten in alle Richtungen, soweit das Auge reicht.
Natürlich war dort oben einiges los. Der Mont Ventoux ist weltweit berühmt, vor allem durch die Tour de France. Entsprechend viele Rennradfahrer kämpften sich den Berg hinauf. Trotzdem störte das überhaupt nicht. Im Gegenteil – auf diesem Berg fährt ohnehin niemand zum Heizen. Man genießt einfach die Aussicht.
Auf dem Gipfel steht außerdem der markante weiße Sendeturm, der schon von weitem sichtbar ist und das Wahrzeichen des Mont Ventoux darstellt.
Cappo wollte dort oben natürlich auch die Drohne starten. Erst nachdem sie bereits in der Luft war, bemerkten wir allerdings, dass wir uns in einer „No-Drone-Zone“ befanden. Also wurde die Drohne sofort wieder gelandet und sicher weggepackt.
Anschließend machten wir noch einen kleinen Spaziergang rund um den Gipfelbereich und genossen einfach die unglaubliche Aussicht.
Dabei kam uns ein Gedanke, der den heutigen Tag eigentlich perfekt beschreibt.
Der Mont Ventoux reiht sich für uns direkt in die Liste der Orte ein, die uns völlig unerwartet umgehauen haben. Volle 5 Asphaltpiratenpunkte.
Wir verglichen es mit so besonderen Punkten so wie damals:
2022 – der Dalsnibba in Norwegen,
2012 – der Neist Point in Schottland,
2024 – der Monte Amiata in der Toskana.
Alles Orte, die gar nicht unbedingt das Hauptziel der Reise waren, sondern die man unterwegs entdeckt – und die einen dann vollkommen sprachlos machen. Genau solche Momente sind es, die Motorradreisen für uns so besonders machen.
Zwischendurch legten wir im Schatten eine kurze Pause ein. Dabei fiel uns vor allem die Geräuschkulisse auf. Überall zirpten unzählige Zikaden gleichzeitig. So laut, dass man sich teilweise kaum noch unterhalten konnte. Ein unglaublich intensives Naturerlebnis.
Später führte die Strecke über den Col d´ Ey (718m) und anschließend weiter zum Col de Soubeyrand (994m).
In diesem Bereich veränderte sich die Landschaft erneut deutlich. Die Berge bestanden plötzlich aus deutlich dunkleren, fast grau-schwarzen Gesteinsschichten. Diese Gesteine gehören zu den uralten Kalk- und Mergelschichten der Provence. Sie entstanden vor vielen Millionen Jahren, als sich hier noch ein flaches Meer befand. Durch die spätere Auffaltung der Alpen wurden diese Schichten angehoben und bilden heute die markanten dunklen Felsformationen der Region.
Die Hitze machte sich bemerkbar. Ich bekam immer mehr Durst und Cappo hoffte unterwegs auf eine Bar oder wenigstens einen kleinen Laden. Doch weit und breit war nichts zu finden.
Nach dem letzten Pass – dem Col de Soubeyrand – tauchte schließlich wie aus dem Nichts ein alter Wasserbrunnen direkt am Straßenrand auf.
Das kalte Wasser war in diesem Moment Gold wert. Nach der extremen Hitze fühlte sich dieser kurze Stopp tatsächlich an, als hätte man neue Energie für die restliche Heimfahrt bekommen.
Insgesamt war es heute zwar eine deutlich kürzere Tour als an den vergangenen Tagen, trotzdem gehört dieser Tag ganz sicher zu den beeindruckendsten der bisherigen Reise.
Der Mont Ventoux war eines dieser Reiseziele, die man vorher gar nicht richtig einschätzen kann. Erst wenn man selbst dort oben steht, versteht man, warum dieser Berg auf so viele Menschen eine derart große Faszination ausübt. Zusammen mit den Lavendelfeldern, dem Duft der Provence, den kleinen Bergstraßen, den riesigen Ausblicken und den vielen kleinen Erlebnissen unterwegs war es wieder ein Tag, der noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Tag 8 – Montag, 20.07.2026 – 407 km
Veynes → Veynes (Verdon-Schlucht)
Unterwegs von 09:30 bis 17:45 Uhr · 7:03 Std. reine Fahrzeit
Etappe: Die Verdon-Schlucht – Europas Grand Canyon
Heute stand eines der absoluten Highlights unserer Frankreich-Tour auf dem Programm: die Verdon-Schlucht (Gorges du Verdon). Schon morgens war klar, dass es ein heißer Tag werden würde. Bei Temperaturen zwischen 34 und 38 °C hieß es: früh losfahren, ausreichend trinken und jede Gelegenheit für eine Pause im Schatten nutzen.
Wie schon an den Tagen zuvor führte uns der Weg zunächst wieder durch die endlosen Lavendelfelder der Provence. Die Landschaft ist einfach einzigartig – überall leuchtet das kräftige Violett, begleitet vom intensiven Duft des Lavendels. Unsere kleinen “Geschichten aus dem Lavendelgarten” gingen also auch heute weiter.
Die ersten rund 60 Kilometer verliefen zügig, anschließend folgten weitere etwa 60 Kilometer über kleine, kurvige Nebenstraßen in Richtung Verdon-Schlucht. Eine der Straßen war recht schmal und ziemlich holprig, was das Vorankommen etwas anstrengend machte. Ansonsten waren die Straßen heute jedoch nahezu perfekt: griffiger Asphalt, unzählige Kurven und kaum Verkehr. Motorradfahrerisch ist diese Region schlicht ein Traum. Selten erlebt man so viele hervorragend ausgebaute Straßen, auf denen das Fahren einfach nur Spaß macht.
In Sisteron beobachteten wir bei einer Trinkpause Steilwandkletterer und betrachteten die Burg oder den/das Notre Dame du Chateau, die Ansicht auf die schöne Altstadt und den Fluss Durance.
Die D12 entlang hoch zum Col du Puimichl (811m). Die Strecke ließ zu wünschen übrig aber die Aussicht da oben war Top. Um 12:30 Uhr und nach 130km sind wir am Eingang der Schlucht angekommen, legten wir den ersten Fotostopp ein. Genau dort passierte auch das erste Missgeschick des Tages: Cappos Motorradhandschuhe blieben liegen. Erst einige Kilometer später bemerkte er, dass etwas fehlte. Also sofort umgedreht – doch leider hatten andere Besucher den Handschuh bereits mitgenommen, anstatt ihn einfach liegen zu lassen. Sehr ärgerlich, denn normalerweise kommt der Besitzer bei so einem Verlust noch einmal zurück.
Danach ging es auf die legendäre Route des Crêtes, die spektakuläre Panoramastraße oberhalb der Verdon-Schlucht. Der Name Route des Crêtes bezeichnet in Frankreich meistens die berühmte Vogesenkammstraße die wir 2023 befuhren und es gibt jedoch noch zwei weitere bekannte Panoramastraßen dieses Namens an der Mittelmeerküste und der Verdon Schlucht. Auf den rund 20 Kilometern könnte man gefühlt zwanzigmal anhalten, weil hinter jeder Kurve ein neuer, atemberaubender Blick in den Canyon wartet, und gefühlt haben wir das auch. Am Ende der Route machten wir noch eine Pause in einem Café mit Terrasse und grandiosem Panoramablick über die Schlucht – ein perfekter Ort, um diese beeindruckende Landschaft auf sich wirken zu lassen.
Besonders faszinierend war während der Fahrt der sogenannte Parallaxen-Effekt. Während man an der Schlucht entlangfährt, scheinen sich die verschiedenen Felsformationen unterschiedlich schnell gegeneinander zu verschieben. Dadurch entsteht eine beeindruckende räumliche Tiefe, die sich auf Fotos kaum festhalten lässt. Diesen Effekt erlebt man wirklich nur während der Fahrt. (wie im Zug , wenn alle weit entfernt langsam und gut erkennbar ist und alles direkt vorm Zug an einem vorbei huscht)
Die Verdon-Schlucht gilt als der größte Canyon Europas. Über Millionen Jahre hat sich der türkisgrüne Fluss Verdon tief in den hellen Kalkstein gegraben. An manchen Stellen ragen die Felswände mehr als 700 Meter senkrecht empor. Das intensive Türkis des Wassers entsteht durch feine Mineralpartikel und bildet einen faszinierenden Kontrast zu den weißen Felsen.
Nach der Route des Crêtes fuhren wir wieder zurück zum Eingangsbereich der Schlucht. Unten an der Brücke am Verdon legten wir eine längere Pause ein. Am liebsten wären wir über das Geländer ins Wasser gesprungen. Dort trafen wir auch Pablo, einen sehr sympathischen Motorradfahrer. Natürlich wurden Erfahrungen ausgetauscht und anschließend über Instagram Kontakte geknüpft.
Ohne Handschuh hatte die Sonne inzwischen ganze Arbeit geleistet. Meine linke Hand war ordentlich rot, weshalb ich mir erst einmal Sonnencreme bei einer schwedischen Familie auf dem Parkplatz ausgeliehen habe. Auch die Arme hatten trotz aller Vorsicht einiges an Sonne abbekommen. Wegen der extremen Hitze fuhren wir den größten Teil des Tages mit den Motorradjacken sicher auf dem Gepäckträger befestigt.
Anschließend ging es entlang der eigentlichen Gorges du Verdon weiter. Dabei bestätigte sich erneut unser Eindruck: Die Südseite ist fahrerisch die schönere Strecke mit herrlichen Kurvenkombinationen, während die Nordseite landschaftlich die spektakuläreren Aussichtspunkte bietet. Eigentlich sollte man beide Seiten fahren, denn jede hat ihren ganz eigenen Reiz.
Beeindruckend war außerdem, wie wenig Verkehr unterwegs war. Trotz Hochsaison waren die Straßen über weite Strecken nahezu leer. Dadurch konnte man die gesamte Landschaft und jede einzelne Kurve in aller Ruhe genießen. Autofahrer machten uns ohne Probleme Platz und wir konnten gefahrlos überholen, wenn es nötig war.
Auf dem Rückweg folgte dann das zweite Missgeschick des Tages. Beim letzten Tankstopp blieb mein Handy auf der Zapfsäule liegen. Erst in der Unterkunft bemerkten wir den Verlust. Nach etwas Kampf mit Passwörtern und der Google-Ortung konnten wir das Handy schließlich lokalisieren. Es liegt nun in der Tankstelle und nicht bei den Zapfsäulen. Hoffentlich wartet es dort auf uns …
Zum Abschluss wurde es noch einmal knapp: Der Supermarkt schloss genau eine Minute nach unserem Einkauf. Gerade noch geschafft. Da anschließend in Veynes kaum noch etwas geöffnet hatte, blieb als Abendessen schließlich der Dönerladen – und der war nach diesem langen Tag genau das Richtige.
Tag 9 – Dienstag, 21.07.2026 – 258 km
Veynes → Veynes (Prähistorische Schluchten der Haute-Provence)
Unterwegs von 09:30 bis 17:45 Uhr · 4:54 Std. reine Fahrzeit
Etappe: Andere Gegend erkunden
Der heutige Tag begann mit einer ungewöhnlichen Mission: Nicht ein Pass oder eine Panoramastraße stand zuerst auf dem Programm, sondern die Tankstelle in Malijai. Dort hatte ich am Vorabend beim Tanken versehentlich ein Handy liegen lassen. Dank der Ortungsfunktion wussten wir, dass es sich noch an der Tankstelle befand. Pünktlich gegen 10 Uhr waren wir wieder dort – und tatsächlich hatte der Tankwart das Smartphone noch an Ort und Stelle. Die Erleichterung war riesig. Dem ehrlichen Mitarbeiter, der darauf aufgepasst hatte, bedankten wir uns mehrfach. Besser hätte der Tag kaum beginnen können.
Anschließend führte uns die Route über Digne-les-Bains zur beeindruckenden Clues de Barles. Die prähistorische Schluchtenlandschaft beeindruckte nicht nur durch ihre gewaltigen Felsformationen, sondern auch durch ausgestellte Fossilien und Dinosaurierspuren. Besonders faszinierend waren die versteinerten Spuren urzeitlicher Lebewesen sowie die fossilen Ammoniten, die sich deutlich in den Felswänden erkennen ließen.
Je weiter wir fuhren, desto enger wurden die Schluchten. Immer wieder hielten wir für Fotos an. Das Vélodrome d’Esclangon in Frankreich ist keine künstliche Radrennbahn, sondern eine beeindruckende natürliche Gesteinsformation (ein geologischer Kessel) im UNESCO-Geopark der Haute-Provence. Sie liegt direkt an der Straße nach Barles (D900), etwa 25 Minuten nördlich von Digne-les-Bains
Ein besonderes Highlight war einer der wenigen Wasserfälle, du Saut de la Pie, der trotz der anhaltenden Hitzewelle überhaupt noch Wasser führte. Die meisten Wasserfälle der Region waren vollständig ausgetrocknet.
Ein weiteres fahrerisches Highlight war der Col du Fanget (1.459 m). Dort warteten die engsten und steilsten Doppelkehren, die wir je erlebt haben. Geschätzt überwanden sie auf rund 15 Metern Streckenlänge etwa sieben Höhenmeter, bei Kehrenradien von kaum drei Metern. Mit der schweren XJ hätte man sich stellenweise fast einen “halben Gang” unterhalb des ersten Ganges gewünscht. Trotzdem funktionierte alles problemlos. Die Zontes mit ihrem breiteren Lenker und der modernen Adventure-Geometrie hatte es hier deutlich leichter.
Die Mittagspause legten wir in Seyne ein. Dort teilten wir uns eine Pizza und schlenderten anschließend über den kleinen Wochenmarkt. Gekauft haben wir nichts, aber die entspannte Atmosphäre tat gut.
Danach ging es weiter zum gewaltigen Lac de Serre-Ponçon. Bereits einige Tage zuvor waren wir an dem See vorbeigefahren, diesmal umrundeten wir jedoch einen großen Teil des Sees. Seine Ausmaße sind beeindruckend – gefühlt sogar größer als der Gardasee – und die Straßen entlang des türkisblauen Wassers mit den umliegenden Bergen gehören zu den schönsten Strecken der Region.
Anschließend folgte der Col de Pontis (1301m) über die kleine D7. Auf nur wenigen Kilometern warteten 37 extrem enge Kehren. Für Cappo mit seiner wendigen Zontes 703 war das eine spaßige Herausforderung. Für die schwere Yamaha XJ dagegen war es Schwerstarbeit. Die Kehren waren so eng, dass das Motorrad beinahe um die Kurven “gehebelt” werden musste. Für den Fahrer war dieser Abschnitt deutlich anstrengender als schön. Oben angekommen entschädigte jedoch die fantastische Aussicht über den Lac de Serre-Ponçon für alle Mühen. Die Abfahrt auf der anderen Seite war besser ausgebaut und dadurch deutlich angenehmer zu fahren.
Nach der großen Brücke bei Savines-le-Lac ging es zügig über die N94, um südlich an Gap vorbeizukommen. Zum Abschluss fuhren wir noch über kleinere Pässe wie den Col de la Beaume (1268m) und den Col des Espréaux (1660m), bevor wir wieder Richtung Veynes rollten.
Kurz vor dem Ziel überraschte uns auf einer kleinen Nebenstraße plötzlich frischer Rollsplitt – völlig ohne Vorwarnung oder Beschilderung. Dadurch wurde das Motorrad kurz etwas unruhig, blieb aber jederzeit kontrollierbar. Wegen der extremen Hitze waren die Motorradjacken den halben Tag mit Spanngummis hinten auf den Motorrädern befestigt. Gefahren wurde entsprechend besonders vorsichtig und vorausschauend, aber sowas rüttelt nochmal wach.
Ein besonders schöner Moment erwartete uns noch einmal auf einem Aussichtspunkt oberhalb der Strecke. Von dort konnten wir in Richtung Süden und Osten die gesamte Bergwelt überblicken, durch die wir in den vergangenen Tagen gefahren waren. Die hohen Gipfel am Horizont erinnerten uns an all die Pässe und Täler, die wir erlebt hatten. Es war ein besonderer Augenblick – nicht traurig, sondern eher ein stiller Rückblick auf eine außergewöhnliche Reise. Etwas fies war nur das wir lange hinter einem Mülllaster herfahren mussten und der müffelte gewaltig.
Ursprünglich waren für diese Region nur drei Übernachtungen geplant. Weil es uns hier jedoch so gut gefallen hatte, verlängerten wir spontan auf fünf Tage – eine Entscheidung, die wir keine Sekunde bereut haben.
Tag 10 – Mittwoch, 22.07.2026 – 360 km
Veynes → Aosta
Unterwegs von 08:45 bis 19:30 Uhr · 7:32 Std. reine Fahrzeit
Tageziel heute: Aosta in Italien. Die Unterkunft auf einem kleinen Bauernhof war bereits am Vortag gebucht, weshalb der Plan eigentlich recht einfach war: straight zum Col de l’Iseran, anschließend über den Kleinen Sankt Bernhard ins Aosta fahren. Erwartet hatten wir eine eher unspektakuläre Überführungsetappe – bekommen haben wir einen der abwechslungsreichsten Tage der bisherigen Tour.
Die Navigation führte uns zunächst über den Col de Festre (1441m) Bereits dort fielen die ersten Vorbereitungen für die Tour de France auf. Überall standen Schilder, die auf bevorstehende Straßensperrungen hinwiesen. Es waren nur gemütliche 18° warm. Das Lied: „Und es wird noch heißer…“ ging mir im Kopf rum.
Von dort ging es weiter über den Col de Parguetour (1437m), Col d’Ornon (1371m) und Col de Glandon (1924m). Die Straße war frisch asphaltiert und in einem hervorragenden Zustand. Die Kurven ließen sich wunderbar fahren, nahezu wie auf einer Rennstrecke. Verkehr gab es kaum, sodass wir den Pass richtig genießen konnten.
Schon hier waren zahlreiche Rennradfahrer unterwegs, die offensichtlich die berühmten Tour-de-France-Anstiege trainierten. Entlang der Straßen standen bereits viele Wohnmobile und Camper, deren Besitzer sich ihre Plätze für die bevorstehende Tour-Etappe gesichert hatten.
Am Col de la Croix de Fer (2067m) wurde die Tour-de-France-Atmosphäre noch deutlicher. Unzählige Radfahrer kämpften sich den Berg hinauf und überall warteten bereits Zuschauer mit ihren Wohnmobilen.
Trotz der vielen Radfahrer blieb der Verkehr erstaunlich entspannt. Im Gegensatz zu den Alpenpässen in Italien gab es nur wenig Autoverkehr, sodass man die Radfahrer problemlos und ohne Stress überholen konnte.
Oben auf dem Pass hielten wir selbstverständlich an. Dabei fiel uns auf, dass wir bereits vor einigen Jahren genau hier gewesen waren. Damals hatte Cappo auf einem der Begrenzungspfosten für ein Foto posiert – also wurde dieses Motiv heute direkt noch einmal nachgestellt. Vielleicht ergibt das später einen schönen Vorher-Nachher-Vergleich im Video.
Anschließend nutzten wir ein etwa 25 Kilometer langes Autobahnstück, das wir einige Tage zuvor noch über Landstraßen gefahren waren. Für rund zwei Euro Maut war das eine sinnvolle Zeitersparnis.
Danach begann der eigentliche Höhepunkt des Tages: der Col de l’Iseran (2764m), die höchste asphaltierte Passstraße Europas.
Der Anstieg zieht sich zunächst lange und relativ unspektakulär durch das Tal bis in ein Skigebiet. Erst danach beginnt der eigentliche Pass mit seinen spektakulären Kehren.
Je höher wir kamen, desto weniger Verkehr gab es. Dafür nahm allerdings der touristische Betrieb deutlich zu. Schließlich gehört der l’Iseran zu den bekanntesten Alpenpässen überhaupt.
Oben angekommen herrschte kräftiger Wind. Wir schauten uns kurz um, genossen die Aussicht und machten einige Fotos, bevor wir uns wieder an die Abfahrt machten.
Was mich faszinierte, war das dort oben eine Sammelbüchse für Zigarettenkippen stand. Mit der Beschriftung: „Wieviel Kippen landen in Frankreich am Tag auf der Erde. 2 Millionen oder 20 Millionen? Ich leerte meinen Taschenaschenbecher in den 20 Millionen Schacht.
Kurz hinter Val d’Isère entdeckten wir eher zufällig eine etwa 150 Meter lange Hängebrücke, die über eine tiefe Schlucht beziehungsweise einen Stausee führte. Natürlich mussten wir dort anhalten.
Ein weiteres unerwartetes Highlight wartete direkt an der Straße. Eine Sommerrodelbahn lud förmlich dazu ein, kurz anzuhalten. Für 10 Euro pro Person gönnten wir uns eine Fahrt – und die Entscheidung war goldrichtig. Die Bahn machte riesigen Spaß und sorgte für eine willkommene Abwechslung zwischen den vielen Passstraßen.
Dann führte unsere Route schließlich über den Kleinen Sankt Bernhard (2188m) nach Italien.
Auch dort legten wir noch eine kleine Pause ein, schauten uns etwas um und genossen die letzten Ausblicke, bevor wir endgültig ins Aosta hinunterfuhren.
Unsere Unterkunft entpuppte sich als liebevoll geführter kleiner Bauernhof.
Die Gastgeber waren außergewöhnlich herzlich und begrüßten uns sofort freundlich. Besonders in Erinnerung bleibt die hervorragende Espressomaschine im Außenbereich, an der wir uns am nächsten Morgen noch ausgiebig bedienen konnten.
Zum Hof gehörten außerdem mehrere Katzen und ein ausgesprochen niedlicher Shih Tzu namens Lala, der sofort alle Sympathien auf seiner Seite hatte.
Als Willkommensgruß bekamen wir sogar noch Limoncello sowie einen Lakritz Likör, selbstgemacht, angeboten.
Am Abend machten wir uns zu Fuß noch etwa einen Kilometer entlang der Bundesstraße auf den Weg ins Dorf, um dort Pizza essen zu gehen.
Nach diesem langen und abwechslungsreichen Fahrtag war das genau der richtige Abschluss.
Während der Tour sind uns wieder einige interessante Unterschiede zwischen den Ländern aufgefallen. Was mir nachträglich noch in den Kopf kam, war folgendes:
- In den Unterkünften in Frankreich – und sogar noch direkt hinter der italienischen Grenze – befindet sich der Warmwasserhahn links, also genau umgekehrt als in Deutschland. Wer gedankenlos “nach rechts auf kalt” drehen möchte, erlebt unter der Dusche schnell eine sehr heiße Überraschung.
- Die französischen Autofahrer wirkten ausgesprochen gelassen. Selbst wenn sich der Verkehr staute, weil jemand einparkte, wartete jeder ruhig ab. Niemand hupte oder drängelte: Wo die Italiener sich die Hupe heißhupen, bleiben die Franzosen gelassen.
- Ganz anders dagegen in Italien: Dort wird deutlich häufiger gehupt. Unser scherzhafter Kommentar dazu lautete: „Einen Italiener bestrafst du am besten, indem du ihm die Hupe ausbaust und das Handy klaust.“
- Polizeikontrollen sahen wir heute ausschließlich in Italien. Die Carabinieri kontrollierten an mehreren Stellen Fahrzeuge. Angehalten wurden wir allerdings nicht.
Tag 11 – Donnerstag, 23.07.2026 – 345 km
Aosta → Bad Säckingen
Unterwegs von 09:30 bis 18:40 Uhr · 6:56 Std. reine Fahrzeit
Etappe: von Aosta nach Bad Säckingen.
Heute stand eine reine Reiseetappe auf dem Programm. Nach den vielen traumhaften Tagen mit kurvigen, fast verkehrsfreien Passstraßen sollte uns die Strecke heute hauptsächlich Richtung Heimat bringen.
Am Morgen verabschiedeten wir uns von unserer Unterkunft in Aosta. Die Unterkunft hatte uns sehr gut gefallen und zum Abschied gönnten wir uns noch einen letzten Kaffee aus der türkisfarbenen Kaffeemaschine. Danach machten wir uns auf den Weg zum Großen Sankt Bernhard (2473m).
Die Auffahrt zum Pass war landschaftlich sehr schön. Auf der Abfahrt Richtung Martigny zeigte sich dann erstmals, wie anstrengend der heutige Tag werden sollte. Wir hatten einen extrem starken Gegenwind. Teilweise musste ich meine Yamaha XJ sogar einen Gang herunterschalten, um überhaupt vernünftig gegen den Wind fahren zu können. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Zeitweise hatte ich wirklich das Gefühl, dass es mir fast den Helm vom Kopf reißen würde.
Ab Martigny begann der Teil der Strecke, der uns überhaupt nicht gefallen hat. Der Verkehr nahm immer weiter zu. Nachdem wir in den vergangenen anderthalb Wochen fast ausschließlich auf herrlichen Straßen mit sehr wenig Verkehr unterwegs gewesen waren, fühlte sich die Schweiz heute wie das komplette Gegenteil an.
Eine Vignette zu kaufen für 2 Motorräder hätte aufgerundet 90 Euronen gekostet. Das Geld wollten wir uns sparen.
Die Fahrt führte über die einzige Straße durch das Tal in Richtung Norden. Ständig Autos, Lkw, Tempolimits von 60 km/h, nahezu durchgehend Überholverbot – Motorradfahren machte hier kaum noch Spaß. Statt Kurven genießen hieß es hauptsächlich hinter Fahrzeugen her rollen und Kilometer zählen. Dazu kamen die sommerlichen Temperaturen, sodass die Fahrt zusätzlich anstrengend wurde.
Zwischendurch fuhren wir über den Col des Mosses (1445m). Dort wurde die Strecke wieder etwas interessanter und anschließend gefiel uns besonders das Berner Oberland. Die Landschaft war wunderschön und endlich kam wieder etwas Fahrspaß auf.
Trotzdem hatte ich von Aosta bis etwa zum Col des Mosses ein merkwürdiges Gefühl auf dem Motorrad. Ich kann gar nicht genau sagen warum, aber ich fühlte mich irgendwie unwohl. Zum Glück blieb es lediglich bei diesem Bauchgefühl und es passierte überhaupt nichts.
Unterwegs machten wir noch eine Espressopause. Bezahlt wurde mit Schweizer Franken beziehungsweise teilweise mit Karte, weil wir möglichst kein weiteres Schweizer Wechselgeld sammeln wollten.
Auffällig war außerdem, wie unglaublich viele kleine Mofas mit den typischen 25-km/h-Fahrzeugen unterwegs waren. Darüber mussten wir mehrfach schmunzeln, weil man so viele auf einmal heutzutage kaum noch sieht.
Eine kuriose Entdeckung machten wir ebenfalls am Straßenrand: Dort standen mehrere Fahrzeuge, die aussahen, als kämen sie direkt aus dem Film Mad Max. Ein ungewöhnlicher Anblick mitten in der Schweiz.
Außerdem passierten wir erneut eine Polizeikontrolle. Diesmal wurden wir wieder nicht heraus gewunken und konnten unsere Fahrt ohne Unterbrechung fortsetzen.
Eigentlich wollten wir uns in Olten noch ein Schweizer Töfftreffen ansehen. Da wir jedoch den ganzen Tag wegen des Verkehrs deutlich langsamer vorankamen als geplant, entschieden wir uns schweren Herzens dagegen und fuhren weiter Richtung Tagesziel.
Kurz vor Bad Säckingen erwartete uns dann noch einmal ein größerer Stau am Grenzübergang. Mit den Motorrädern konnten wir uns vorsichtig bis nach vorne durchschlängeln und erreichten schließlich ohne weitere Verzögerungen unsere Unterkunft.
Technisch verlief der Tag fast problemlos. An beiden Motorrädern wurde unterwegs jeweils etwa ein halber Liter Motoröl nachgefüllt, da der Ölstand im Schauglas etwas niedrig war. Lieber rechtzeitig nachfüllen als später Probleme bekommen.
An meiner Yamaha XJ trat allerdings noch ein kleiner Defekt auf. Eine Sicherung hatte einen Wackelkontakt, wodurch zeitweise Blinker und Bremslicht ausfielen. Glücklicherweise konnte ich mich trotzdem problemlos bis nach Bad Säckingen durchschlagen, wo das Problem festgestellt werden konnte.
Unterm Strich war dieser Tag fahrerisch eindeutig der schwächste der gesamten Tour. Beide waren sich am Abend einig: Eine Fahrt durch die Schweiz über Land werden wir in Zukunft nicht noch einmal machen. Als Verbindungsetappe Richtung Heimat war sie zwar notwendig, zum Genießen jedoch überhaupt nicht geeignet.
Tag 12 – Freitag, 24.07.2026 – 360 km
Bad Säckingen → Odenwald bei Weinheim
Unterwegs von 09:30 bis 18:00 Uhr · 6:18 Std. reine Fahrzeit
Heute begann der Tag in Bad Säckingen, unserer letzten Unterkunft direkt an der Schweizer Grenze. Bevor die Motorräder gestartet wurden, ging es zunächst noch zu Fuß zum Penny, um Frühstück für unterwegs zu besorgen. Danach hieß es Helm auf, Motoren starten und hinein in den Schwarzwald.

Die erste Etappe führte durch das wunderschöne Wehra Tal Richtung Todtnau. Schon am Morgen war die Strecke angenehm zu fahren – viele Kurven, wenig Verkehr und die typische Schwarzwaldkulisse machten direkt wieder Lust aufs Motorradfahren.
Von Todtnau ging es anschließend über den Feldbergpass (1236m). Obwohl der Feldberg als höchster Berg des Schwarzwalds bekannt ist, empfanden wir die Strecke heute eher als unspektakulär. Deshalb hielten wir uns dort nicht lange auf und fuhren direkt weiter Richtung Titisee.
Am Titisee wollten wir eigentlich gemütlich einen Kaffee trinken. Kaum hatten wir die Motorräder am Straßenrand abgestellt, kam jedoch bereits ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes und erklärte uns, dass wir auf den ausgewiesenen Motorradparkplatz müssten. Dort herrschte allerdings absolutes Gedränge – unzählige Motorräder, Touristen und Spaziergänger. Die Lust auf einen Kaffee verging uns dadurch schnell, sodass wir spontan beschlossen, einfach weiterzufahren.
Vor der Weiterfahrt machten wir allerdings noch einen kurzen Abstecher zur Jugendherberge am Titisee. Dort hatten wir vor rund 15 Jahren schon einmal übernachtet. Ein schöner kleiner Erinnerungsmoment, bei dem viele alte Geschichten wieder hochkamen.
Ein weiteres Highlight war anschließend die Fahrt durchs Hexenloch. Vorbei an der bekannten Hexenlochmühle durfte natürlich auch eine kleine kulinarische Pause nicht fehlen. Jeder von uns gönnte sich ein Stück original Schwarzwälder Kirschtorte – schließlich gehört das bei einer Schwarzwaldtour einfach dazu.
Kurz darauf wartete noch eine kleine Hilfsaktion am Straßenrand. Ein Harley-Fahrer bekam seine Maschine nicht mehr gestartet. Gemeinsam schauten wir kurz nach dem Problem und halfen beim Anschieben. Die Ursache war am Ende ganz einfach: Die Zündung war noch eingeschaltet. Nach kurzer Hilfe, einfach anschieben, lief die Harley wieder und die Fahrt konnte für alle weitergehen.
Danach führte unsere Route über Furtwangen weiter Richtung Elzach und durch das wunderschöne Oberprechtal. Diese Strecke gehörte definitiv zu den schönsten des Tages. Wenig Verkehr, flüssige Kurven und herrliche Schwarzwaldlandschaften sorgten noch einmal für richtig viel Fahrspaß.
Über Wolfach und später Freudenstadt ging es schließlich langsam Richtung Autobahn bei Karlsruhe. Dort wartete allerdings noch ein längerer Stau auf uns. Zwar konnten wir uns mit den Motorrädern langsam durchschlängeln, dennoch zogen sich besonders die letzten rund 80 Kilometer des Tages deutlich in die Länge.
Am Abend erreichten wir schließlich unsere Unterkunft bei Weinheim. Eine kleine Ferienwohnung für die letzte Übernachtung der Tour. Nach dem Einchecken wurde erst einmal Pizza bestellt, bevor wir den Tag entspannt ausklingen ließen. Bei einem Verdauungsspaziergang fotografierten wir ein Haus an dem Viele, viele Schwalbennester hingen. Es war das einzige Haus in dem Ort wo sowas zu sehen war. Der Besitzer hatte sogar Vorsorge getroffen, dass der Nestbau ermöglicht wurde und dass der Vogelkot nicht an und um sein Haus verteilt wurde. Sowas ist für mich auch 5 Asphaltpiratenpunkt wert.
Morgen steht bereits die letzte Etappe des Urlaubs an. Rund 350 Kilometer liegen noch vor uns. Zunächst geht es größtenteils über die Autobahn bis etwa Gießen, anschließend über die A44 und A33 zurück Richtung Heimat, so der Plan.
Tag 13 – Samstag, 25.07.2026 – 324 km
Odenwald bei Weinheim → Schloß Holte-Stukenbrock
Unterwegs von 08:30 bis 15:00 Uhr · 3:54 Std. reine Fahrzeit
Wir hatten leere Getränkedosen und Flaschen. Also erst zum nahegelegenen Nahkauf den Kram loswerden und ein kleines Frühstück holen.
Am Anfang fuhren wir erst ein bisschen Landstraße bevor es für ca. 120km auf die Autobahn ging. 2 Baustellen aber kein Stau. Ich hatte mir Oropax in die Ohren gesteckt, weil mein Helm kaum Lautstärke absorbiert. „Ich kaufe mir einen neuen.“ Sagte ich zu Cappo bei der ersten Rast bei Marburg nach der Autobahn.
Durch das Sauerland über Landstraßen zu fahren, ließen wir uns aber nicht nehmen. Das allerletzte Stück A33 bis nach Hause verlief auch absolut reibungslos.
Die Begrüßung war herzlich und danach ging das übliche Prozedere los. Abrüsten, Wegsortieren und Moppeds waschen.
„Nächstes Jahr wieder?“ fragte ich. „Klar, wohin können wir ja noch ausbaldowern. Ham ja genug Zeit.“ Antwortet Cappo knapp.
Nur wir! 👊👍
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